Magazin Landtechnik

Biogas :

Jetzt geht es um den Service!

Die Messe Bioenergy während der Eurotier in Hannover zeigte vor allem eines: Der Zenit beim Zubau neuer Biogasanlagen ist überschritten. Jetzt geht es darum, die rund 7500 Anlagen in Deutschland zu optimieren und fit für die Zukunft zu machen.

Biogas: Jetzt geht es um den Service!

Mit diesem neuen Gasspeicher von MT Energie lässt sich doppelt so viel Gas wie bei einem herkömmlichen Foliendach speichern. Mit dem gespeicherten Gas kann der Betreiber bedarfsgerecht Strom produzieren.

Krise? Welche Krise?“, gaben sich viele der 680 Aussteller auf der Messe Bioenergy Decentral, der Bioenergie-Tochter der Messe EuroTier 2012 in Hannover erstaunt. Denn der Ansturm der Interessenten war mit 38.000 Besuchern nur etwas geringer als bei der ersten Messe zwei Jahre zuvor (42.000 Besucher). Dabei steckt die Biogasbranche eigentlich in einer der schwersten Krise seit ihrem Bestehen. Nach drei Jahren mit rund 1000 neuen Anlagen pro Jahr ist der Boom jäh abgerissen. Im Jahr 2012 wurden nur rund 270 Anlagen und damit 70 Prozent weniger als im Vorjahr neu gebaut, teilt der Fachverband Biogas mit.

Biogasförderung hat sich verschlechtert

In der Tat ist der Einbruch des Biogasmarktes aufgrund einer politischen Entscheidung erfolgt: Anfang 2012 ist das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft getreten, das die Förderung von landwirtschaftlichen Anlagen deutlich schlechter gestellt hat als das Vorgängergesetz.

Dazu kommt, dass viele Landwirte wegen der erwarteten Schlechterstellung den Bau einer Anlage im Jahr 2011 vorgezogen haben. Und nicht zuletzt tragen auch die guten Erlöse für landwirtschaftliche Produkte dazu bei, dass der Bau einer Biogasanlage derzeit nicht besonders attraktiv ist.

Dennoch bleibt die Branche nicht stehen. Mit dem EEG 2012 ist die Vergärung von Gülle in kleinen Anlagen mit einer Leistung bis 75 Kilowatt (kW) interessant geworden. Hierfür ist zwar die Güllemenge von mindestens 400 Großvieheinheiten nötig. Aber viele Landwirte vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben den Kuhbestand aufgestockt und denken jetzt über den Bau einer derartigen Biogasanlage nach.

Parallel steigt die Forschung ein: Am Lehr- und Versuchsbetrieb Futterkamp bei Kiel wird derzeit eine Anlage zur reinen Güllevergärung der Firmen Consentis und Conviotec gebaut. Hier soll Schweinegülle eingesetzt werden.

Deutschland wird ein Bestandsmarkt

Doch der Neubau von Anlagen wird sich in den nächsten Jahren nur moderat weiter entwickeln und nicht mehr den Schwerpunkt der Branche bilden. Rund 300 neue Anlagen prognostiziert der Fachverband für das Jahr 2013. Ein viel größerer Markt wird dagegen der Service für die 7500 bestehenden Anlagen werden. „Der deutsche Markt wird ein Bestandsmarkt. Künftig wird es um die Erweiterung von bestehenden Anlagen sowie um den Service gehen“, lautet die Markteinschätzung von Bodo Drescher vom Anlagenhersteller MT Energie aus Zeven. MT hat selbst 585 Biogasanlagen in Deutschland gebaut. Der Hersteller will aber die Servicedienstleistung von derzeit 1.000 auf 2.000 Anlagen ausdehnen, stellte Drescher während der Bioenergy in Aussicht. Das ambitionierte Ziel macht deutlich, wie hoch selbst klassische Hersteller das Servicegeschäft einschätzen.

Service ist vielschichtig

Der Bereich Service bei Biogasanlagen ist sehr vielschichtig. Er beginnt bei der Wartung der Motoren in den Blockheizkraftwerken, geht über die biologische Betreuung zur Fütterung der Fermenter bis hin zur wirtschaftlichen Optimierung.

Wie bunt das Serviceangebot inzwischen ist, machte die Vielfalt der Aussteller auf der Bioenergy deutlich. Hier wächst nicht nur die Zahl der neuen Anbieter auf dem Markt, sondern auch die Breite der Angebote. Beispiele für neue Dienstleistungen:

• Nachträglicher Betonschutz für Fermenter und Silo-Anlagen,

• Überprüfung der Biogasanlage auf Gaslecks mithilfe professioneller Gaskameras,

• Reinigung von Abgaswärmetauschern in den Blockheizkraftwerken,

• Beratung zur Optimierung der Anlagentechnik, um weitere Substrate wie Gras oder Ganzpflanzengetreide einsetzen zu können,

• mobile Labore, um den Fermenterinhalt vor Ort analysieren und Fütterungsempfehlungen geben zu können,

• Anbieter von Zuschlagstoffen wie Spurenelementen, mit deren Hilfe die Bakterien mehr Gas aus dem Substrat herausholen können,

• betriebswirtschaftliche Beratung, um die Einspeisevergütung zu optimieren, neue Vermarktungswege zu finden oder Fehler in den komplizierten Vergütungsabrechnungen zu finden.

Viele Möglichkeiten der Effizienzsteigerung

Aber auch in technischer Hinsicht waren viele effizienzsteigernde Lösungen auf der Messe zu finden:

• Neue Trocknungsanlagen zur Trocknung von Holz, Getreide und Gärrest, um daraus Dünger herzustellen,

• neue Aufschlussverfahren, um aus schwierigen Substraten wie Gras oder Stroh mehr Gas herauszuholen,

• so genannte ORC-Anlagen, mit deren Hilfe der Anlagenbetreiber aus nicht genutzter Abwärme auch noch Strom erzeugen kann,

• neue Abdeckvarianten für das Gärrestlager, um Methanemissionen zu vermeiden und damit die Wirtschaftlichkeit der Anlage zu verbessern,

• Trockenreinigungsmaschinen, um Zuckerrüben für die Biogasanlage ohne aufwändiges Waschverfahren von Sand und Steinen zu befreien,

• neue Blockheizkraftwerke mit gestiegenem Wirkungsgrad.

Biogasanlagen werden nur noch bei Bedarf laufen

Wie der VDMA feststellt, gibt es in der Biogasbranche dynamische Entwicklungen, was sich auch an der Struktur der Aussteller widerspiegelte. Die reine Stromerzeugung rund um die Uhr wird mittelfristig der Vergangenheit angehören. Stattdessen sollen die Biogasanlagen dann Strom produzieren, wenn er besonders stark nachgefragt wird. Das wird zukünftig zu Zeiten sein, an denen Wind- und Solarstrom nicht zur Verfügung steht.

Weil gerade Solarstrom heute schon zur Mittagszeit an sonnigen Tagen einen Großteil des deutschen Stromverbrauchs deckt, werden viele Biogasanlagen zu der Zeit künftig stehen und dafür morgens und abends betrieben werden. Dafür wird die Leistung der Motoren steigen, damit die Anlagen mit reduzierter Laufzeit dennoch die gleiche Strommenge wie heute produzieren können.

Für diese Betriebsweise sind neue Gas- und Wärmespeicher nötig. Genauso nimmt die Zahl der Stromhändler, Direktvermarkter und Anbieter von Internetplattformen zu, die den Strom an der Börse oder über andere Wege vermarkten. Entsprechend hoch war die Zahl der Aussteller dazu auf der Messe.

Ein typisches Beispiel ist die Arcanum GmbH aus Unna, die mittlerweile ein vielfältiges Angebot aufgebaut hat. Der Dienstleister hilft nicht nur bei der Vermarktung von Strom und Biomethan (aus Biogas hergestellter Erdgasersatz), sondern berät auch zur Gründung von Bioenergiegenossenschaften. Daneben gibt es Hersteller, die Steuergeräte als Schnittstelle zwischen Stromproduktion und Börsenhandel bzw. Regelenergiemarkt herstellen. Damit ist es beispielsweise möglich, eine Biogasanlage ferngesteuert auszuschalten, wenn sehr viel Wind- oder Solarstrom im Netz ist. Anders als diese so genannten fluktierenden Stromquellen ist Biogas speicherbar, damit sind die Anlagen einfacher zu regeln.

Wärmeproduktion wird immer wichtiger

Neben der flexiblen Stromproduktion und der Direktvermarktung entwickelt sich auch der Wärmemarkt sehr dynamisch. Deutschland deckt erst 10 Prozent seines Wärmebedarfs aus regenerativen Energiequellen. Der Ölpreis befindet sich zurzeit auf Rekordhöhe. Daher wird die Wärme aus Biogasanlagen attraktiver. Das zeigen u.a. auch die auf der Bioenergy ausgezeichneten Bioenergiedörfer Großbardorf (Bayern), Schlöben (Thüringen) und Oberrosphe (Hessen). In allen drei Ortschaften liefert die Wärme aus jeweils einer Biogasanlage die Grundlast. Für den Spitzenbedarf sorgen dagegen Holzheizwerke. Über 300 weitere Bioenergiedörfer in Deutschland sind nach ähnlichem Muster gestrickt.

Die Wärme wird aber auch zunehmend zur Trocknung eingesetzt, nicht nur für Holz, dessen Nachfrage immer stärker steigt. Mit getrocknetem Holz können Waldbesitzer Kunden beliefern, die selbst kein Lager haben und das Holz just in time haben wollen.

Aber auch die Trocknung von Getreide, Heu und anderen landwirtschaftlichen Produkten wird eine attraktive Wärmeverwertung für die Sommermonate. Im bayerischen Großbardorf wird jetzt z.B. erstmals Körnermais angebaut und in der Biogasanlage getrocknet. Das war vorher aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht möglich.

In Veredelungsregionen dagegen dient die Wärme dazu, Gärrest zu trocknen, um daraus wertvollen Dünger für Ackerbauregionen zu erzeugen. Professionelle Betriebe pelletieren dafür das getrocknete Gut und lassen es zertifizieren, um damit ein neues Geschäftsfeld aufzubauen. Entsprechend stark sind Trocknungs- und Pelletieranlagen nachgefragt. Die trockenen Pellets können bei Bedarf aber auch als Ersatzbrennstoff in industriellen Anlagen verwendet werden.

Biomethan als Kraftstoff attraktiv

Parallel zu den klassischen Biogasanlagen mit Strom- und Wärmeproduktion entwickelt sich auch der Markt für Biomethan stetig weiter. Rund 100 Anlagen produzieren heute den Erdgasersatz und speisen ihn ins Gasnetz ein. Das Gas wird von Dienstleistern gekauft, um in Blockheizkraftwerken in Industriebetrieben, Wohnblocks oder kommunalen Einrichtungen Strom und Wärme zu erzeugen. Für diese Produktion sind nicht nur spezielle Aufbereitungsanlagen nötig, sondern auch Dienstleister, Händler, Contractoren und anderen Marktteilnehmer, deren Zahl ständig wächst.

Gerade auf dem Markt der Gasaufbereitungsanlagen gibt es eine Reihe von Innovationen, so dass immer mehr kleinere, landwirtschaftliche Anlagen Biomethan erzeugen können. Das ist gerade für solche Betriebe interessant, die vor Ort keine geeignete Wärmeverwertung haben.

Betreiber von Biogasanlagen, die Biogas aus Abfällen erzeugen, finden zurzeit noch eine weitere Verwertungsmöglichkeit: Sie vermarkten das Gas als Treibstoff für Pkw oder Lkw. Denn Biomethan ist der Kraftstoff mit dem geringsten CO2-Ausstoß. Es gibt 900 und damit genügend Gastankstellen deutschlandweit für eine flächendeckende Versorgung. Außerdem ist Biomethan zusammen mit Erdgas zurzeit der günstigste Kraftstoff an der Tankstelle. Die Reichweite ist enorm, es gibt viele Serienfahrzeuge, auch im Schwerlastverkehr. Künftig könnten auch Traktoren damit betrieben werden, wenn die Entwicklung von Seiten der Hersteller voranschreitet.

Fazit: Der Biogasmarkt ist im Umbruch

Die kurze Marktübersicht zeigt: Der Biogasmarkt ist im Umbruch. Nach dem enormem Boom beim Anlagenbau in den letzten Jahren geht es jetzt darum, Biogas, Strom und Wärme bedarfsgerecht zu vermarkten. Die Standardanlage, die Strom rund um die Uhr produziert, wird daher zum Auslaufmodell.

Im Bereich Rohstoffe bleibt Mais zwar auch in den nächsten Jahren der optimale Rohstoff, weil er einfach anzubauen und zu ernten ist und den höchsten Gasertrag pro Hektar liefert. Aber die momentanen Preisspitzen von 50 Euro je Tonne machen das Substrat mehr und mehr unwirtschaftlich. Der hohe Preis, aber auch die zunehmende Ablehnung der Bevölkerung lassen die Landwirte daher nach Alternativen suchen. Neben Wirtschaftsdünger, Gras und Stroh kommen auch neue Dauerkulturen wie die „Durchwachsende Silphie“ oder „Ungarisches Energiegras“ ins Spiel. Hierfür werden auch wieder neue Anbau- und Erntemaschinen sowie Geräte zur Aufbereitung vor oder nach der Vergärung gefragt sein. Der Markt bleibt also sehr dynamisch und verspricht auch in den nächsten Jahren eine Reihe von neuen Entwicklungen. Hinrich Neumann


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